Mein MMA-Debut

Sonntag, 17.06.18

Heute ist es endlich soweit. Kampftag! 8 Wochen intensive Vorbereitung und strikte Diät enden heute. Damit liegt eigentlich der härteste Teil bereits hinter mir, doch werden sich all die Arbeit und Disziplin auch auszahlen?

Der Tag beginnt für mich um ca. 8:30 Uhr mit einem Blick auf die Waage. 69,5 kg. Erster Gedanke: „Geil! Ich habe noch Platz für ein Frühstück!“ Meine Kämpfe werden heute nämlich im Leichtgewicht stattfinden, d.h. das Maximalgewicht mit Toleranz beträgt 70,9 kg. Zum Frühstück gibt es also den üblichen Magerquark mit Obst und etwas Haferflocken.

Trotz Hunger muss man sich beherrschen. Denn mit vollem Magen lässt es sich nicht sehr gut kämpfen, außer man möchte natürlich den Zuschauern eine unvergessliche Show dadurch bieten, dass man bis in die letzten Reihen seinen Mageninhalt oral entleert. Manche stehen vielleicht darauf, aber nicht so mein Ding. Danach heißt es jedenfalls warten bis mein Trainingspartner mich abholt. Warten… Definitiv der schlimmste Teil vor jedem Turnier. Glücklicherweise findet das Turnier nur 20 Minuten von mir zu Hause entfernt statt und ich spare mir eine längere Anreise, anders als z.B. die Kämpfer aus München oder Hamburg. Ich habe also den Heimvorteil, kenne den Austragungsort und die meisten Leute, das mindert wenigstens ein bisschen die Aufregung. Diese wechselt immer zwischen der Vorfreude: „Ich habe so hart trainiert, ich will da endlich rein, abliefern und alle umhauen!“ und dem Zweifel: „Warum mach ich den Scheiß überhaupt? Was wenn du voll auf die Fresse kriegst?“. Aber nun gibt es kein zurück mehr. Als ich dann beim Event um ca. 12:00 Uhr ankomme, heißt es erstmal: Einwiegen. Nochmal läuft ein kleines Schweißtröpfchen meine Wange hinunter: „Bitte bitte, im Gewicht sein!“, denke ich. Mit genau 70,0kg steh ich auf der Waage. Erleichterung…

Die erste Hürde ist geschafft, jetzt heißt es erneut warten. Nach und nach treffen die verschiedenen Kämpfer ein und man schaut sie sich alle genau an. „Wer könnte ein Gegner sein? Wer entspricht deiner Statur, deiner Größe?“, sind die die Dinge, die einem so durch den Kopf gehen. Nur nicht selbst nervös machen, denn die Psyche ist ein sehr großer Faktor im Kampf und am Ende gewinnt der, der die Nerven behält. Aber dazu später mehr. Nach ca. 1,5 Stunden findet dann das Rules Meeting statt, d.h. die Kämper und Betreuer werden nochmal über das Regelwerk und den Ablauf aufgeklärt. Um 14:00 Uhr beginnt das Event. Ich habe gleich den ersten Kampf in meiner Gewichtsklasse, d.h. noch ca. 20 Minuten Zeit mich gut aufzuwärmen. Erst alles durchlockern mit etwas Gymnastik, dann den Puls hochbringen an den Boxpratzen. Ein paar Kicks und Knie hinterher, lockeres Ringen und Rumrollen mit einem meiner Coaches. Der Veranstalter ruft meinen Namen, es geht los. Jetzt bin ich heiß und gehe meinen Weg zum Octagon, an den Punktrichtern vorbei, die Stufen hoch in den Cage und in die blaue Ecke. Hinter mir wird die Tür geschlossen, jetzt gibt es wirklich kein zurück mehr.

Angesicht zu Angesicht stehe ich nun meinem Gegner gegenüber. Ich schaue ihn mir genau an. Etwas älter als ich, Größe und Statur ungefähr gleich, Tattoos, längere Haare, ist alles was mir auf den ersten Blick auffällt. Was er wohl in mir sieht? Wahrscheinlich fällt ihm die gut 10 cm lange Narbe auf meinem Oberarm von meinem Motorradunfall auf, sodass er sich denkt: „Fuck, was für ein krasser Typ! Hat der etwa schon gegen einen Bären gekämpft?“ Nun ja, ich hoffe mir zumindest, dass er sich so etwas denkt. Der Ringrichter holt uns in die Mitte, nochmal kurz die wichtigsten Regeln. Shake Hands. Zurück in die Ecken. Ringglocke. Los gehts. „Erste Aktion ist unsere, Fabi!“ Höre ich aus meiner Ecke. Also Jab, Jab, immer wieder. Als Boxer ist die Führhand meine wichtigste Waffe, dann irgendwann die Rechte rein und wieder raus aus der Distanz. So zumindest der Plan. Trotzdem finde ich irgendwie nicht richtig in den Kampf und mein Gegner landet bessere Treffer. Immer wieder findet sein rechter Haken ein Weg durch meine Deckung. Dabei ist es doch ganz einfach: Gegner locken durch den Jab, er bringt seinen rechten Schwinger, abtauchen und  die Linke voll reinhauen. Klappt nur nicht so richtig. Plötzlich: ein Wirkungstreffer. Etwas irritiert und im vollen Überlebensmodus finde ich mich an der Octagonwand wieder. Mein Gegner merkt das und will den Kampf hier und jetzt beenden. Mit vielen wilden Schlägen versucht er noch weitere Treffer zu landen. Ich bleibe jedoch auf den Beinen und schaffe es mich rechtzeitig zu regenerieren, bevor der Ringrichter den Kampf abbricht. Ein kurzer Aussetzer, der zum Glück keine schlimmeren Folgen mit sich bringt. „Macht nichts, Fabi! Jetzt sind wir da!“, höre ich aus meiner Ecke. Auf dem Punktezettel liege ich bis dahin wahrscheinlich hinten, d.h. verliere ich diese Runde, bin ich raus aus dem Turnier! Doch es kommt noch schlimmer: Im Clinch lande ich ein Kniestoß zum Körper, den mein Gegner allerdings abfangen kann und mich zu Boden wirft. Das heißt also: noch mehr Punkte für ihn und die Zeit drängt. Ich höre meine Ecke rufen: „Noch 15 Sekunden Fabi! Arbeite!“. Gesagt getan, denn der Boden ist mein Revier. Durch das Grappling, also den Bodenkampf, habe ich nämlich schon bereits vor 4 Jahren zum Kampfsport gefunden. Ich bin zwar in der Unterlage, die eindeutig schlechtere Position im MMA, was aber nicht heißt, dass man von dort keine Gefahr darstellt. Also fixiere ich seinen Arm, drehe die Hüfte ein und hole mir den Armhebel. „Zieh, Fabi! Zieh!“, höre ich wieder aus meiner Ecke. „Stop!“, ruft schließlich der Ringrichter, während er dazwischen geht und den Kampf abbricht. Ich hatte den Arm bereits deutlich überstreckt, sodass die Gefahr eines Bruchs zu groß war. Bähm! Sieg durch Technical Submission in den letzten Sekunden des Kampfes. Durchatmen…

Doch lange habe ich dafür nicht, denn ich habe mich für das Halbfinale qualifiziert und somit nur 15 Minuten bis zum nächsten Kampf. Runterkommen, fokussieren, aber warm bleiben ist nun wichtig. Ich bin bereits nach dem ersten Fight völlig erschöpft, trotz des harten Trainings und der vielen Sparringseinheiten. Allerdings kann im Training nie ein richtiger Kampf wirklich simuliert werden, da alles viel aufgeregter und hektischer zu geht. Mein nächster Gegner steht, aufgrund der Teilnehmerzahl, zudem direkt im Halbfinale und kommt also „frisch“ in den Kampf. Ich höre meinen Namen, Ausrüstung wieder an, Team im Rücken und rein in den Cage, diesmal in die rote Ecke. Das gleiche Spiel von vorne. Wieder aus der Ecke: „Erste Aktion ist deine, Fabi!“. Jab, Jab, Jab-Punch. Sitzt. Diesmal finde ich direkt besser in den Kampf und lande klare einzelne Treffer. Mein Gegner landet zwar ein paar starke Lowkicks, doch unter dem Adrenalin spüre ich diese kaum. Ich dominiere den Kampf im Stand, sodass mein Gegner den Clinch sucht. Ich setze einen Choke an, er verteidigt, ich wechsle wieder in den Armhebel. Diesmal sitzt er leider nicht so gut und mein Gegner kann sich befreien. Doch ich erkenne dies rechtzeitig, lasse den Arm los und wechsle in die Top-Position. Ringglocke. Die Punktrichter entscheiden den Kampf für mich, einstimmiger Sieg. Yes!

Ich stehe also im Finale. Wow! Jetzt bin ich richtig heiß, obwohl ich nun nur noch erschöpfter bin. „Du bist bis hierher gekommen, jetzt holst du das Ding nach Hause.“, ist was ich mir denke. Nach ca. 30 Minuten Pause bin ich wieder dran und mache meinen Weg ins Octagon zum Finalkampf. „Schau ihn dir genau an, Fabi.“, sagt mein Trainer, als mein Gegner einläuft. Und genau das tue ich: Vom Einlauf bis zum Gong lasse ich ihn nicht aus den Augen, starre ihn an, sodass ich über mich selbst denke: „Scheiße, was bist du nur für ein Psycho?“. Doch es scheint zu wirken: mein Gegner wirkt eingeschüchtert, schaut mich selten an. Auch von Angesicht zu Angesicht in der Ringmitte, lässt er immer wieder den Blick abfallen und wirft ihn zum Ringrichter. Zurück in die Ecken. „Fight!“. Ich komme auf ihn zu, er geht direkt zurück. Damit gibt er mir ein deutliches Signal: „Ich will nicht mehr!“. Das gibt mir Motivation und ich lande direkt den ersten Treffer ziemlich gut. Daraufhin wird mein Gegner ganz wild, marschiert nach vorne und bringt viele Schläge. Das Publikum wird lauter, ist aber halb so wild, denn die meisten Schläge gehen daneben oder in meine Deckung. Ich bleibe ruhig, gehe in den Clinch und gebe dort den Takt an. Er setzt einen Takedown an, doch ich kann ihn verteidigen. Ringglocke. Ende der ersten Runde. Ich bin motiviert, ich spüre, dass mein Gegner nicht so sehr will, wie ich. Das ist der Punkt, an dem der Kopf den Sieger ausmacht. Wir sind beide völlig erschöpft und technisch auf dem etwa gleichen Niveau. Doch ich will gewinnen! Die Coaches verlassen den Cage, ein Kampfschrei meinerseits, ich bin bereit. Ringglocke. Wieder hole ich mir die Ringmitte, wieder geht mein Gegner ein Schritt zurück. Kurzer Schlagabtausch, dann clinchen wir relativ viel, denn wir sind beide ziemlich platt. Trotzdem mache ich den Druck und arbeite an einem Takedown. Bähm! Takedown geschafft, das gibt Punkte! Ich sicher mir die Top-Position, als die Ringglocke ertönt. Ich helfe meinem Gegner auf, wir liegen uns in den Armen und bedanken uns für den guten Kampf. Der Rinrichter holt uns in die Mitte, nachdem er die Punktezettel der Punktrichter gecheckt hat. Doch egal wie das hier ausgeht, ich bin verdammt stolz und mein Team ist es auch. Ich habe hart trainiert und heute auch abgeliefert, darauf kommt es an. Schließlich: Der Ringrichter hebt meinen Arm in die Luft, Sieg durch einstimmige Entscheidung! Jubel, Freude, Erleichterung! All das harte Training und 6 kg Gewichtsabnahme haben sich ausgezahlt. Ein unglaubliches Gefühl! Mein Trainer trägt mich aus dem Cage, ich bedanke mich bei dem Team meines Gegners für den Kampf und natürlich bei meinen eigenen Leuten für die Unterstützung und ihre gute Arbeit. Nach der Siegerehrung lassen wir den Tag beim Burger King ausklingen, denn das habe ich mir für heute verdient, bevor dann morgen wieder der Fuß ins Training gesetzt wird.

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